Was ist eine Essstörung?
Anorexie, Bulimie und Binge-Eating nehmen weltweit zu, besonders bei Jugendlichen.
Anorexia nervosa betrifft überwiegend Mädchen und junge Frauen. Sie führt zu lebensbedrohlicher Gewichtsabnahme. Das Körperschema ist gestört.
Bei der Bulimie wechseln sich Essanfälle mit Erbrechen ab. Es gibt normalgewichtige, über- und untergewichtige Bulimikerinnen.
Binge-eating nennt man das unkontrollierte, süchtige Essen, welches zur Gewichtszunahme führt.
Bei all diesen Krankheitsbildern gibt es Überschneidungen mit Depressionen, Zwangsstörungen, Traumafolgestörungen und Persönlichkeitsstörungen. Anorexie hat eine Sterblichkeit von fast 20%. Bei Bulimie können lebensbedrohliche Rhythmusstörungen auftreten.
Dr. med. Mario Scheib
Psychotherapie bei Essstörungen
Psychotherapie ist bei der Behandlung von Essstörungen eine bewährte und wirksame Behandlung. Da besonders bei Anorexie das Familiensystem bei Entstehung und Verlauf oftmals eine grosse Rolle spielt, sollte die Familie nach Möglichkeit in die Behandlung eingebunden werden – auch wenn die Patientin bereits erwachsen ist. Wichtig ist insbesondere, die Motivation der Patientin zu erhöhen. Es gibt spezielle therapeutische Konzepte, die für Essstörungen entwickelt wurden (Maia et al, 2025). Zwangsernährung bringt meist keinen zusätzlichen Gewinn, da sie von den Patientinnen als Trauma erlebt wird, was wiederum die Prognose verschlechtern kann.
Unser innovatives Behandlungskonzept
Ketamininfusionen bei Essstörungen
Ketamin ist ein NMDA-Rezeptor-Antagonist, der als Anästhetikum und Analgetikum eingesetzt wird. In den letzten Jahren wurden Ketamininfusionen auch als wirksame Behandlungsoption für eine Reihe psychischer Erkrankungen, darunter Depressionen, Angststörungen und posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS), untersucht.
Neuere Studien zeigen auch die mögliche Wirksamkeit von Ketamin und Ketamin gestützter Psychotherapie bei der Behandlung von Essstörungen (Escobedo-Aedo et al, 2025; Calabrese et al, 2022).
Die Wirkungsweise von Ketamin bei Essstörungen ist noch nicht vollständig geklärt. Es wird vermutet, dass Ketamin die Funktion des NMDA-Rezeptors moduliert, der eine wichtige Rolle bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Essstörungen spielt.
Repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS) und transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS)
Eine aktuelle Metaanalyse (Bahadori et al, 2025) zeigt auch die Wirksamkeit von rTMS. Das Verfahren wird auch bei Depressionen und Zwangsstörungen angewandt, ist nebenwirkungsarm und sicher. Es kann auch bei schweren Formen der Anorexie angewendet werden und verbessert bei den meisten Patientinnen signifikant den BMI und die Zwänge. Allerdings sollte die Anwendung über mindestens drei bis vier Wochen erfolgen, eventuell sogar noch länger. RTMS wird bei uns immer zusammen mit intensiver Psychotherapie und ggf. zusätzlich mit Ketamin-Infusionen und Neurofeedback angewendet.
Bei der transkraniellen Gleichstromstimulation (tDCS) wird ein schwacher Strom über zwei Elektroden durch das Hirn geleitet. Auch dieses Verfahren ist sicher und nebenwirkungsarm. Es ist meist nicht ganz so stark wirksam wie rTMS, kann aber auch von der Patientin selbst zu Hause durchgeführt werden. Die Geräte sind klein und arbeiten mit handelsüblichen Batterien. Wir stellen gern ein Gerät für die Nachbehandlung leihweise zur Verfügung.
Neurofeedback bei Essstörungen
Neurofeedback ist ein nicht-invasives Verfahren, das die Fähigkeit der Betroffenen fördert, ihre Gehirnaktivität zu regulieren. Dabei werden die Gehirnströme der Betroffenen mithilfe von Elektroenzephalographie (EEG) gemessen und in Echtzeit an die Betroffenen zurückgemeldet. Die Betroffenen lernen so, ihre Gehirnaktivität zu kontrollieren, um bestimmte Ziele zu erreichen.
Neurofeedback wurde bereits bei einer Reihe psychischer Erkrankungen, darunter Depressionen, Angststörungen und Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), erfolgreich eingesetzt.
Die Wirkungsweise von Neurofeedback bei Essstörungen ist noch nicht vollständig geklärt. Es wird vermutet, dass Neurofeedback die Funktion derjenigen Hirnregionen verbessert, die für die Regulation des Essverhaltens und der Körperwahrnehmung verantwortlich sind.
Kombinationsbehandlung bei Essstörungen
Die Kombination von Ketamin, rTMS und Neurofeedback ist eine vielversprechende neue Behandlungsoption für Essstörungen. In mehreren Studien zeigte sich, dass die Kombinationsbehandlung zu einer signifikant stärkeren Verbesserung der Essstörungssymptome führte als die alleinige Behandlung mit Ketamin oder Neurofeedback.
Die Kombinationsbehandlung kann dazu beitragen, die Wirksamkeit der einzelnen Behandlungsansätze zu verstärken und die Behandlungsdauer zu verkürzen.
Fazit
Ketamin, rTMS und Neurofeedback sind neue und vielversprechende ergänzende Behandlungsansätze für Essstörungen. Die sollten aber immer nur zusammen mit Psychotherapie angeboten werden. Die Kombinationsbehandlung von intensiver Psychotherapie, Ketamin, rTMS und Neurofeedback kann eine wirksame Option für die Behandlung von Essstörungen sein. Das erklärt sich auch daraus, das viele Patientinnen mit Essstörungen gleichzeitig andere Störungen haben, bei denen die Wirksamkeit der Verfahren schon länger belegt ist.
Medizinisch geprüft:
Dieser Inhalt wurde medizinisch geprüft und erstellt von Dr. med Mario Scheib. Er entspricht dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Literatur zum Thema Essstörungen und deren Behandlung.
Letzte medizinische Prüfung: 2026
Medizinische Studien zur Behandlung von Essstörungen mit Ketamin und rTMS:
Keeler J L, Treasure J, Juruena M F, Kan C, Himmerich H (2021) Ketamine as a treatment for anorexia nervosa: a narrative review
Marcolini F, Ravaglia A et al (2024) Severe enduring anorexia nervosa (SE-AN) treatment options and their effectiveness: a review of literature
Bahadori AR, Javadnia R, Bordbar S et al (2025) Efficacy of transcranial magnetic stimulation in anorexia nervosa: a systematic review and meta‑analysis
Wassenaar E, Blaloxk DV, Duffy A et al (2025) Is ketamine safe for individuals in higher level of care treatment for eating disorders? Analysis of safety of subanesthetic ketamine in 104 patients
Constanzo F et al (2020) Non-invasive brain stimulation treatment in a group of adolescents with anorexia
McClelland J (2016) A Randomised Controlled Trial of Neuronavigated Repetitive Transcranial Magnetic Stimulation (rTMS) in Anorexia Nervosa
Dalton B et al. (2020) Repetitive transcranial magnetic stimulation treatment in severe, enduring anorexia nervosa: An open longer-term follow-up
Kim J, Kaushal S et al (2023) Repetitive Transcranial Magnetic Stimulation Strategies in the Treatment of Anorexia Nervosa: A Literatura Review
Hermens DF et al (2020) Anorexia nervosa, zinc deficiency and the glutamate system: The ketamine option
Michael J, Hermes D et al (2023) Ketamine and Zinc: Treatment of Anorexia Nervosa Via Dual NMDA Receptor Modulation
Elwyn R, Michell J et al (2023) Novel ketamine and zinc treatment for anorexia nervosa and the potential beneficial interactions with the gut microbiome
Ragnhildstveit A et al (2022) Ketamine as a Novel Psychopharmacotherapy for Eating Disorders: Evidence and Future Directions
Gerne beantworten wir Ihre Fragen persönlich
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FAQ´s
Die häufigsten Essstörungen sind Anorexia nervosa, Bulimia nervosa und die Binge-Eating-Störung.
Anorexie ist durch extreme Gewichtsreduktion und ein verzerrtes Körperschema gekennzeichnet.
Bulimie zeichnet sich durch wiederholte Essanfälle mit anschließendem Erbrechen oder anderen Kompensationsmaßnahmen aus.
Binge-Eating-Störung bedeutet unkontrolliertes Essen ohne Kompensation, häufig verbunden mit Übergewicht.
Alle Essstörungen können mit Depressionen, Zwangsstörungen, Traumafolgestörungen oder Persönlichkeitsstörungen einhergehen.
Die Behandlung von Essstörungen erfolgt multimodal.
Die Psychotherapie bildet die zentrale Säule.
Ergänzend können Ketamin-Infusionen, rTMS, tDCS oder Neurofeedback eingesetzt werden.
Ziel ist es, Essverhalten, Emotionsregulation und Körperwahrnehmung langfristig zu stabilisieren.
Psychotherapie unterstützt Betroffene, dysfunktionale Denkmuster zu erkennen und zu verändern, Emotionsregulation zu verbessern und ein realistisches Körperbild aufzubauen.
Bei Anorexie sollte nach Möglichkeit die Familie in die Behandlung einbezogen werden, da sie das Essverhalten und die Motivation zur Veränderung erheblich beeinflussen kann.
Ketamin wird als ergänzende Therapie bei schwer behandelbaren Essstörungen untersucht.
Es beeinflusst bestimmte neuronale Netzwerke, die für Zwang, Grübeln und emotionale Regulation wichtig sind.
Wichtig: Ketamin wird nur in Kombination mit Psychotherapie eingesetzt und ersetzt keine psychotherapeutische Behandlung.
rTMS (repetitive transkranielle Magnetstimulation) wirkt auf bestimmte Hirnareale, die Impulskontrolle und Zwangsverhalten steuern. Sie kann insbesondere bei Anorexie Zwangssymptome und BMI verbessern.
tDCS (transkranielle Gleichstromstimulation) ist eine ergänzende, sicherere Methode, die z. B. zu Hause durchgeführt werden kann.
Beide Verfahren sind nicht-invasiv, nebenwirkungsarm und werden in Kombination mit Psychotherapie eingesetzt.
Neurofeedback nutzt EEG, um Betroffenen die eigene Gehirnaktivität in Echtzeit zurückzumelden.
Ziel ist es, Emotionsregulation, Impulskontrolle und Körperwahrnehmung zu verbessern.
Es eignet sich besonders als ergänzender Baustein innerhalb einer multimodalen Behandlung.
Eine Kombinationsbehandlung verbindet Psychotherapie mit ergänzenden Verfahren wie Ketamin, rTMS und Neurofeedback.
Studien zeigen, dass diese multimodale Vorgehensweise bei komplexen oder therapieresistenten Verläufen oft wirksamer ist als Einzelmaßnahmen.
Essstörungen können schwere körperliche Folgen haben, darunter:
Herzrhythmusstörungen
Hormonelle Störungen
Stoffwechselprobleme
Osteoporose und Mangelerscheinungen
Sie treten häufig zusammen mit Depressionen, Angst- oder Zwangsstörungen auf. Unbehandelt können sie lebensbedrohlich sein.
Wenn Sie an einer Behandlung interessiert sind, können Sie uns unter info@psychosomatik.com kontaktieren.
Das Team berät persönlich und unverbindlich, um die bestmögliche Therapie für Patient:innen oder Angehörige zu finden.
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